Gemeindebrief

Jahreslosung 2021

 

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig,

wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6,36


 

Brief zum Jahreswechsel 2021

 

 

 

Kirchspiel Ronneburg, 30. Dezember 2020

Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“

Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!   Psalm 4, 7

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, liebe Ehren- und Hauptamtliche,

liebe Kirchenälteste und Vorsitzende der Gemeindekirchenräte,

Ich grüße Sie an der Schwelle zum neuen Jahr mit dem Monatsspruch für Januar 2021 aus Psalm 4, 7. Er hat mich mehrfach in diesem Jahr begleitet, vielleicht auch Sie.

„Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ – das ist die sorgenvolle Frage vieler Menschen bei uns und weltweit in dieser Zeit. Die Corona-Pandemie hat uns in Europa im Frühjahr kalt erwischt. Was da auf uns zukam, war gar nicht so leicht zu erfassen. Unsicherheit und Widerstände waren da; auch bei manchem die Hoffnung, alles doch noch in den Griff zu bekommen; von einer zweiten Welle verschont zu bleiben. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die zweite Welle kam und war schlimmer als die erste.  Der zweite Lockdown – so ist mein Eindruck – löst mehr Ängste und Sorgen aus als der erste. Ein Gefühl der Ohnmacht breitet sich bei vielen Kleinunternehmern und Freischaffenden aus. Ihre Existenzen sehen sie bedroht. Welche Auswirkung diese Krise für uns alle noch haben wird, ist offen. Im Blick auf die Zukunft ist die Frage realistisch: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“

Nicht nur Ohnmacht und Verzweiflung löste die Krise aus, es gab auch viele berührende und mitreißende Aktionen, die ermutigten, sich der gegenwärtigen Ausnahmesituation zu stellen und sie zu nutzen, um Kräfte zu bündeln und Neues zu wagen.

In unserem Kirchspiel Ronneburg haben wir es so erlebt. Die Kraft der Musik und unserer Kirchen wurde noch einmal ganz anders entdeckt. Der Glaube an Jesus Christus, der Mensch geworden ist, um unser menschliches Leben in seinen Höhen und Tiefen zu teilen, hat Ehren- und Hauptamtliche bewegt, Gottes Wort in unsere Ausnahmesituation hineinzusagen.

„Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ ist so ein Wort. Gebet und Zuspruch zugleich. Erinnert es doch an den Segen, der am Ende eines jeden Gottesdienstes auf die versammelte Gemeinde gelegt wird, damit sie ihn an ihre Lebensorte mitnimmt und dort weitergibt. Was der Psalmist von Gott erbittet, hat er längst zugesagt.  Mit seiner Kraft und Gegenwart will er unter uns sein und uns begleiten auf dem Weg des Lebens.

Gottes Segen haben Sie und ich auch in dieser schweren Zeit erfahren. Engagierte Ehrenamtliche haben sich zusammengefunden, wie der liturgische Arbeitskreis in Haselbach-Rückersdorf, der mit seinem wöchentlichen Podcast im Frühjahr und dann noch einmal zum Weihnachtsfest viele Menschen im Kirchenkreis stärkte und erfreute.

Menschen mit ihren Gaben haben sich zusammengetan und sind über sich selbst hinausgewachsen. Sie haben erlebt, wie die Gegenwart Gottes in ihrer Mitte sie selbst nährt und so reich beschenkt, dass sie genug haben für andere.

In Ronneburg haben wir das im Musikalischen Abendgebet erfahren, aber auch durch das Spiel der Turmbläser in unseren Pflegeheimen bei den Menschen, die von den Einschränkungen besonders schwer getroffen waren und wieder sind.

Die QR Code Rallye unserer Jungen Gemeinde zum Weihnachtsfest stellte mir vor Augen, wie sehr Jung und Alt zusammengehören; wie alle an den Auswirkungen der Krise zu tragen haben. Es ging mir sehr nahe, wie viel gerade auch für Jugendliche in diesem Jahr ausgefallen ist, was nicht einfach nachgeholt werden kann:  Abschlussfeiern, soziales Jahr im Ausland, Sport, Unterricht, Konzerte, Feste, Begegnungen. Viele Dinge, aus denen wir alle Kraft und Lebensfreude schöpfen.

Nicht nur ich habe den Eindruck - andere auch -, dass jetzt im zweiten Lockdown das Aggressionspotential größer und die Geduld füreinander kleiner geworden ist. Sicher hat es etwas damit zu tun, dass wir unsere Ressourcen nicht auf die uns gewohnte Weise auffüllen können.

Wir als Gemeinde, als Haupt- und Ehrenamtliche, spüren, wie sehr wir gerade in der Krise auf den Segen Gottes angewiesen sind, auf seine Kraft, seine Geduld, seine Barmherzigkeit.

Die Jahreslosung 2021 ruft unser neues Jahr als ein „Jahr der Barmherzigkeit“ aus.

Es fängt damit an, sich selbst  immer wieder, Tag für Tag zu erinnern, wie und wann habe ich Gottes Barmherzigkeit erfahren.

Es geht weiter mit dem Zuspruch, dass Gottes Güte jeden Morgen neu ist – für dich und für mich.

Das deutsche Wort Barmherzigkeit ist aus dem lateinischen misericordia gebildet worden. Darin steckt die Aussage: Gott hat sein Herz bei den Armen, bei den Menschen in Krankheit, Angst, Not und Schuld. Nicht, weil sie besser sind als die anderen, sondern weil sie sein Mitgefühl haben.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn tritt uns diese Barmherzigkeit Gottes als sein Wesen entgegen. Sie kommt aus seinem tiefsten Inneren, ist sein starkes, unwiderstehliches Mitgefühl für den Menschen in Leid und Ohnmacht. Sie ist nicht vernünftig, noch bedacht; aber doch unbeirrbar, wie die Liebe einer Mutter für ihr Kind. (Das hebräische Wort für Barmherzigkeit ist rachamim, dass auch Mutterschoß und Gebärmutter bedeutet.) Auf die Barmherzigkeit Gottes lässt sich bauen.

Wer schließlich spürt, wie viel Leben und Zukunft er / sie der Barmherzigkeit Gottes verdankt, wird wie eine Schale, die überläuft und fließen kann in das Leben der Menschen, mit denen wir verbunden sind.

Schließlich folgt die Ermutigung: Habe ein Herz für den Menschen neben dir, der großartige Seite hat, der dich aber auch schrecklich nerven kann!

Unsere Jahreslosung erinnert wieder daran, uns als eine Solidargemeinschaft zu begreifen, die zuallererst von der Barmherzigkeit Gottes lebt, aber immer auch angewiesen bleibt auf unsere menschliche Barmherzigkeit mit uns selbst und mit anderen.

 

Ich danke Ihnen von Herzen für alle Ihre Gebete, Ihr Mitwirken und Ihre Kreativität in dem herausfordernden Jahr 2020 und ganz besonders für unser Weihnachtsfest. Sie haben es ermöglicht, dass alle unsere Kirchen ein einladender Ort zur Besinnung und zum Gebet waren und sind.

 

Gott segne Sie und begleite Sie durch das Jahr 2021 mit seiner unendlichen Geduld und Güte.

 

Herzlich grüßt Sie mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen

 

Ihre Pfarrerin Gabriele Schaller

 

Schale der Liebe

 

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale

und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt

und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das,

was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen,

und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.
Die Schale ahmt die Quelle nach.

Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist,

strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,

nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden,

wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,

wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle;

wenn nicht, schone dich.“

Bernhard von Clairvaux

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